DTI Studie: Das Tiefkühl-Paradox

23. Sep 2019

welt.de: Seit Jahrzehnten steigt der Verbrauch von TK-Produkten. Und das, obwohl die Deutschen doch so viel Wert auf eine gesunde Ernährung legen

Frisch, regional, bio – und natürlich selbst gekocht. So sieht die Idealvorstellung der Deutschen aus, wenn es ums Essen geht. Das wird in Umfragen immer wieder deutlich. „Die Realität ist allerdings oft anders“, sagt Sabine Eichner – und ist durchaus froh darüber. Denn Eichner ist Geschäftsführerin des Deutschen Tiefkühlinstituts (dti) und damit erste Vertreterin einer Branche, deren Wachstum schier unaufhörlich scheint. Schon seit Jahrzehnten geht es steil bergauf bei Ab- und Umsatz. Auch, weil Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe in Deutschlands Küchen mittlerweile oft und gerne das klassische Kochen ersetzen.

47 Kilogramm Tiefkühlprodukte wird jeder Bundesbürger 2019 laut aktueller dti-Prognose konsumieren, Speiseeis nicht eingerechnet. Um 700 Gramm würde damit der Pro-Kopf-Verbrauch gegenüber dem Vorjahr steigen. Im 25-Jahres-Vergleich hat sich der Konsum sogar verdoppelt. Rund 3,83 Millionen Tonnen Ware wird die Branche 2019 produzieren, das sind 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch dabei handelt es sich natürlich nicht ausschließlich um Fertiggerichte. Auch Obst und Gemüse sowie Fisch und Kräuter gehören zum TK-Sortiment. Pommes, Pizza, Snacks und Tellergerichte sind jedoch dominante Kategorien, die meisten davon stark wachsend. Im ersten Halbjahr jedenfalls verzeichneten mit Ausnahme von Snacks genau diese Produkte das größte Plus, wie eine aktuelle Auswertung des dti zeigt.

Gründe für den anhaltenden Boom gibt es gleich mehrere. Experten nennen an erster Stelle Zeitmangel. „TK ist Convenience für die gestresste Generation“, heißt es in einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts INNOFACT, die WELT exklusiv vorliegt. Gleichzeitig dürfte Bequemlichkeit eine zunehmend große Rolle spielen, aber auch fehlende Fähigkeiten am Herd.

„In nicht mal mehr jedem vierten Haushalt wird täglich frisch gekocht“, ergab die Studie „Consumers Choice“ des Marktforschungsunternehmens GfK-Gruppe und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Stattdessen würden „Aufwärmer“ und „Snacker“ in die deutschen Küchen drängen, so jedenfalls nennt die Untersuchung die neuen Typen von Verbrauchern. Zwar ist die entsprechende Analyse mittlerweile zwei Jahre alt. Neue Ergebnisse werden Anfang Oktober anlässlich der weltgrößten Ernährungsmesse Anuga in Köln vorgestellt. Eine Umkehr dieses Trends erwarten Experten allerdings nicht.

Doch nicht nur Bequemlichkeit und mangelnde Kochkompetenz treiben den TK-Verbrauch immer weiter in die Höhe. Laut der INNOFACT-Untersuchung, für die im Frühjahr gut 1000 Bundesbürger zwischen 18 und 75 Jahren befragt wurden, schätzen die Verbraucher bei Tiefkühlprodukten auch Eigenschaften wie lange Haltbarkeit und Frische. Verschiedene wissenschaftliche Studien zeigen in der Tat, dass die Nährstoffe beim Schockfrosten weitgehend erhalten bleiben.

Bohnen zum Beispiel, die ein Jahr bei minus 18 Grad Celsius tiefgekühlt wurden, wiesen in einer Testreihe der Universität Hamburg noch immer ein Vitamin-C-Gehalt von rund 80 Prozent auf. Im Kühlschrank dagegen waren nach wenigen Tagen schon über 60 Prozent des Vitamins verflogen. Und auch sekundäre Pflanzenstoffe wie etwa das antioxidativ wirkende Quercetin seien nach der einjährigen Kühlung in deutlich höherer Konzentration erhalten geblieben als nach wenigen Tagen Kühlschrank, hieß es. Ein weiterer Vorteil aus Sicht der Verbraucher ist laut Umfrage zudem die bessere Portionierbarkeit von TK-Ware, was die Konsumenten auch als wirksames Mittel gegen Lebensmittelverschwendung schätzen.

Aus dieser Gemengelage an Gründen haben die Marktforscher fünf verschiedene Verwendertypen destilliert: die Fans, die Anspruchsvollen sowie Skeptiker, Pragmatiker und Sparfüchse. Die Fans lassen sich dabei vornehmlich den niedrigen bis mittleren Einkommensgruppen zuordnen. Sie schätzen die Bequemlichkeit der TK-Kost und greifen vor allem zu Fleisch, Obst, Kuchen, Pizza und Desserts aus der Truhe. Die anspruchsvollen Verwender sind laut Studie gut gebildet und verfügen über vergleichsweise hohe Einkommen. Sie legen Wert auf Frische und Gesundheit, wobei der Preis keine Rolle spielt. Daher greifen sie zur Biopizza, zu Obst und Beeren für einen frischen Smoothie und zu Gemüsesnacks.

Die Skeptiker wiederum kommen eher aus der Mittelschicht und haben ein traditionell geprägtes Einkaufsverhalten. TK-Ware haben sie eher für Notfälle im Haus, etwa Aufbackbrötchen fürs Sonntagsfrühstück oder Fisch und Meeresfrüchte für den spontanen italienischen Abend.

Zu den Pragmatikern gehören vor allem die jungen Verbraucher. Sie sind zwar genussorientiert, wollen aber möglichst wenig Zeit für die Essenszubereitung aufwenden. Ihr Motto: in den Ofen schieben, fertig. Ganz oben auf ihrer Einkaufsliste stehen Pizza, Pommes und Snacks, aber auch Aufbackbrötchen und -croissants. Zu den Sparfüchsen schließlich zählen vornehmlich Rentner. Sie kaufen Angebotsware auf Vorrat und nutzen dabei das komplette Frostsortiment von Fleisch über Fisch bis hin zu Fertiggerichten und Kuchen.

Nahezu jeder Verbraucher dürfte sich in mindestens einer dieser Kategorien wiederfinden. Denn Tiefkühlkost ist längst ein Massenphänomen. Stattliche 98 Prozent der Haushalte greifen mindestens einmal im Monat zu TK-Ware. Zwei Drittel der Verbraucher sind sogar Vielverwender und kaufen Tiefkühlprodukte mehrmals im Monat.

Wobei sich das Einkaufsverhalten je nach Altersgruppe stark unterscheidet. Während bei den Generationen Ü40 und Ü60 jeweils Gemüse und Kräuter am beliebtesten sind, gefolgt von Fisch und danach erst Kartoffelprodukten und Pizza, ist es bei den jungen Verbrauchern genau umgekehrt. Dort rangieren Pommes und Pizza weit vorne in der Gunst, ehe dann Gemüse und Fisch folgen.

Beim Fisch spielen allerdings die klassischen panierten Fischstäbchen eine große Rolle. Laut Statistik isst jeder Bundesbürger im Schnitt 27 Stück pro Jahr. Im Vergleich herausragend ist auch der Konsum von Fertigpizzen: Zwölf Stück verzehrt jeder Deutsche pro Jahr, am liebsten nach wie vor und unangefochten in der Version „Salami“.

Inzwischen aber kommen auch neue Produkttrends auf, die sich die Branche zunutzemacht. Den aktuellen Vegan-Hype zum Beispiel. Die Burger-Patties des amerikanischen Anbieters Beyond Meat oder der Nestlé-Marke Garden Gourmet liegen im Supermarkt ebenfalls in den Tiefkühlabteilungen. Gleichzeitig steigt die Zahl der zucker-, salz- und fettreduzierten TK-Lebensmittel sprunghaft an, wie das dti erklärt.

Verbandschefin Eichner ist daher sicher, dass die Branche auch in den kommenden Jahren weiter wachsen wird. „Die 50-Kilo-Marke beim Pro-Kopf-Verbrauch dürfte in absehbarer Zeit erreicht werden“, prognostiziert sie im Gespräch mit WELT. Nicht umsonst würden derzeit etliche Start-ups in die mittlerweile gut 15 Milliarden Euro schwere Branche drängen, allen voran im Bereich Snacks.

Und auch der sogenannte Außer-Haus-Markt ist inzwischen ein wichtiger Absatzkanal für die Hersteller, also die Belieferung von Hotels, Restaurants, Cafés oder Imbissbuden. Rund die Hälfte der jährlichen Absatzmenge geht mittlerweile in diesen Bereich. Die mit Abstand wichtigsten Produkte sind dabei Backwaren, gefolgt von Fleisch, Gemüse, Kartoffelprodukten und Snacks wie Burger. „Die Menschen werden immer mobiler und essen deutlich mehr auswärts, auch das ist also ein Wachstumsbereich“, sagt Expertin Eichner. Ein Ende des Tiefkühlbooms in Deutschland ist nicht in Sicht.

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